[Rezension] Kompass ohne Norden von Neal Shusterman

[Rezension] Kompass ohne Norden von Neal Shusterman

Kompass ohne Norden wurde mir von den Hanser Literaturverlagen als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Wie uns Neal Shusterman Cadens psychische Erkrankung erleben lässt, macht dieses Buch zu einem echten Highlight für mich.

 

Kompass ohne Norden
von Neal Shusterman

Inhalt:

Caden hält sich für einen normalen Jungen. Doch sein Verstand ist ein krankhafter Lügner, der sich auf fantastische Reisen begibt. Manchmal befindet Caden sich auf dem Weg zum tiefsten Punkt der Erde im Marianengraben, auf einem Schiff, auf dem die Zeit seitlich läuft wie eine Krabbe, verwittert von Millionen Fahrten, die bis in die finstere Vergangenheit zurückreichen. Und in der Realität lässt Cadens Verstand harmlose Dinge wie einen Gartenschlauch zur tödlichen Gefahr werden. Als die Grenze zwischen realer und fantastischer Welt verschwimmt, begreift Caden: In den Tagen der Bibel hätte er vermutlich als Prophet gegolten, doch heute lautet die Diagnose: Schizophrenie.

Bild- und Textquelle: Hanser Literaturverlage


Bibliografie

 

Erschienen: 20. August 2018
Verlag: Hanser Literaturverlage
Seiten: 352
Preis: Hardcover 19,00€, EBook 14,99€
ISBN: 978-3446260467
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Meine Meinung

Kompass ohne Norden von Neal Shusterman ist an sich keine fiktive Geschichte, sie ist real. Zumindest beruht sie auf realen Gegebenheiten. Neal Shusterman erzählt im Vorwort, dass er die Krankheit Schizophrenie durch seinen Sohn Brendan hautnah miterlebt hat. Er möchte mit diesem Buch Erkrankten Mut machen und gleichzeitig die Leser für diese Krankheit sensibilisieren. Hierzu hat er Zeichnungen seines Sohnes und sogar Grundideen seiner Therapie in das Buch einfließen lassen. Es ist wohl sein persönlichstes Buch. Und ich danke ihm von Herzen dafür. Es war so erschreckend, aber gleichzeitig auch unheimlich faszinierend und bewegend, was diese psychische Erkrankung mit dem menschlichen Verstand anstellt. Ich habe schon einige Bücher gelesen, die dem Leser psychische Erkrankungen näher bringen sollen, aber noch keines hat es geschafft, mich derart nah an das Geschehen zu bringen, dass ich es selbst kaum ausgehalten habe.

Neal Shusterman lässt uns die Geschichte von Caden erleben. Einem 15jährigen normalen liebenswürdigen Jungen, der sein typisches Teenagerleben mit Freunden und Träumen lebt bis sich eines Tages etwas in seinen Gedanken ändert. Und er immer tiefer in seine eigene Welt abtriftet.

Manchmal fühle ich mich wie das Kind das vom Grund eines Brunnens heraufschreit, und mein Hund rennt zum Pinkeln in den Wald, anstatt Hilfe zu holen.
Seite 97

Wir erleben den Sog der Krankheit. Die Abwärtsspirale, in die Caden gezogen wird und sich immer mehr von der realen Welt abkapselt obwohl er dies gar nicht möchte. Für ihn ist diese Welt ein Schiff inklusive Kapitän und Schiffmannschaft mit vielen erschreckenden Erlebnissen und Abenteuern.

Die Gedankenstimmen sind durchaus auch unterhaltsam, denn ich weiß nie, was sie sagen werden.
Seite 121

Dieses Buch ist so eindringlich und einnehmend. Cadens Leiden sind so echt. Ich selbst war davon so deprimiert und auch geschockt, dass ich am liebsten geweint hätte, nur dass es mir danach wieder besser geht. Neal Shusterman hat es wirklich geschafft, den Leser hautnah erleben zu lassen, was die Krankheit mit Caden angestellt hat. Er ließ uns den Kampf gegen die inneren Dämonen fühlen und erleben und es ist so furchtbar. Natürlich habe ich schon von Schizophrenie gehört, aber bisher konnte ich mir nicht ansatzweise vorstellen, wie sich diese Krankheit auf Körper und Geist auswirkt. Es ist wirklich faszinierend und zerstörend zugleich. Kompass ohne Norden hat mich unheimlich tief bewegt, ich finde gar nicht die passenden Worte dafür.

Das Buch war natürlich auch nicht immer leicht zu lesen und einige Stellen sind wirklich konfus und verwirrend. Man musste sich an manchen wenigen Stellen richtig durchkämpfen. Aber gerade das machte das Buch so authentisch und real. Denn während diesen Stellen befinden wir uns in Cadens Welt, in der Realität und Fantasie verschwommen und nur noch schwer voneinander zu trennen sind.

Neal Shusterman geht aber noch einen Schritt weiter. Er lässt uns nicht nur selbst mitleiden, er zeigt auch zerstörerisch und bedrückend auf, was eine Therapie der Erkrankung bewirken kann, wie sie auf den Erkrankten selbst wirkt. Dass nicht immer alles rund läuft. Mir wurde es wirklich des Öfteren schwer ums Herz, so eindringlich und bewegend erleben wir den Kampf zwischen Verzweiflung und dem kleinen Hoffnungsschimmer, dass die Therapie Erfolg zeigt.

Sie bombardieren den ganzen Körper mit fiesem Scheißzeug und hoffen, dass sie damit die Krankheit erwischen und den Rest am Leben lassen. Die Frage ist: Wenn man die Stimmen vergiftet, bringt sie das um oder macht es sie nur richtig stinksauer?

Seite 157

Caden ist ein wunderbarer Charakter. Ich habe ihn sofort in mein Herz geschlossen. Er ist so schön normal, so nerdig mit dem Traum der Entwicklung eines Computerspiels, im Umgang mit seinen Freunden und Familie. Das machte dieses Buch für mich noch schlimmer, ich konnte direkt Bezug zu Caden aufbauen und musste miterleben wie er mehr und mehr in die Tiefen seines eigenen Ozeans abtaucht und sich dort verliert. Cadens Gefühle sind für mich greifbar und echt. Und zwischendurch schwer auszuhalten, wenn er erzählt, wie er in seiner Welt verzweifelt versucht noch die Realität und einen Ausweg zu finden. Es geht wirklich unter die Haut und ich hatte so oft Gänsehaut und Schauer, die mir über den Körper liefen. Mich zerreißt es, wenn ich daran denke, dass es Menschen gibt, die das wirklich erleiden müssen.

Ich danke Neal Shusterman und seinem Sohn Brendan für diese eindrucksvolle, bewegende und auch mutige Geschichte. Ich danke dafür, dass sie uns einen Einblick in ihr Privatleben gegeben und ihren Leidensweg mit uns geteilt haben. Ich finde dieses Werk wirklich enorm wichtig, da es die Krankheit zumindest ansatzweise verständlich macht. Danke für die brutale Ehrlichkeit. Diese ist aber auch absolut nötig um das gesamte Ausmaß zu verstehen, denn, wie aufgezeigt wird, können psychische Erkrankungen zwar medikamentös behandelt, aber nicht geheilt werden. Ich könnte schon wieder weinen, wenn ich nur daran denke.

Mein Fazit

Kompass ohne Norden von Neal Shusterman ist so real, dass es weh tut. Es ist wohl sein persönlichstes und auch emotionalstes Werk. Neal Shusterman hat mir das Leben und den Leidensweg von Caden so nah gebracht, dass ich es zwischendurch kaum ertragen habe weiter zu lesen. Und doch ist die Geschichte so ernst, wichtig und authentisch, dass ich das Buch nie lange zur Seite legen konnte, auch wenn es an manchen Stellen schwerer zu verstehen ist. Man kann förmlich fühlen, dass der Autor genau weiß, von was er da schreibt und dem Leser nicht nur ein Gefühl der kompletten Verzweiflung sondern auch der Hoffnung übermittelt. Noch nie hat mich ein Buch, das dem Leser eine psychische Erkrankung annähernd verstehen lassen will, so sehr an meine emotionalen Grenzen gebracht. Kompass ohne Norden ist etwas ganz Besonderes und Einzigartiges. Es ist einfach echt. Ich kann Neal und Brendan Shusterman gar nicht oft genug danken, dass sie uns diese Einblicke in ihr Privatleben gewähren und helfen, Verständnis statt Ablehnung gegenüber den Erkrankten aufzubauen. Eigentlich sollte dieses Buch als Pflichtlektüre an Schulen eingeführt werden. Lest es unbedingt.

Absolutes Highlight!

 

 

 

 

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2 Gedanken zu „[Rezension] Kompass ohne Norden von Neal Shusterman

  1. Hallo Kerstin!

    Ich bin ja ein großer Fan seiner Bücher und natürlich hab ich dieses hier sofort auf die Wunschliste gepackt, als ich es gesehen habe. Als ich es mir dann näher angeschaut habe, war ich schon überrascht um was es geht. Ich kenne die Krankheit leider auch aus meinem näheren Umfeld und habe da auch einige Erfahrungen gemacht, die mich sehr erschreckt und sehr traurig gemacht haben. Gerade deshalb möchte ich auch dieses Buch lesen, um vielleicht selbst noch das ein oder andere verarbeiten zu können.
    Wie du es beschreibst scheint es ihm ja sehr gut gelungen zu sein und ich bin sehr gespannt, wie es auf mich wirkt.

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Guten Morgen Aleshanee,

      es ist ihm richtig gut gelungen das Thema umzusetzen, aber er ist ja auch Betroffener und hatte viel Unterstützung von seinem Sohn bei der Gefühls- und Fantasiewelt. Ich bin da wirklich beeindruckt und hab es zwischendurch kaum ausgehalten, so schlimm fand ich das Ganze.
      Da bin ich gespannt, wie es auf dich wirkt nachdem du schon Bezugspunkte zu dieser Krankheit hast.

      Liebe Grüße, Kerstin

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